Blumen und Bienen: Eine symbiotische Beziehung
Wie Blüte und Bestäuber sich gegenseitig geformt haben: Nektar und Pollen als Währung, Signale wie UV-Muster und Duft, Spezialisierung, und was der Rückgang der Blühflächen auslöst.
Blüten und Bienen sind ein Lehrbuchfall für Koevolution: Zwei Organismengruppen haben sich über Millionen Jahre gegenseitig geformt, weil beide vom Handel profitieren. Die Pflanze kann sich nicht bewegen und braucht einen Boten für ihren Pollen. Das Insekt braucht Nahrung. Was dabei entstanden ist, ist erstaunlich präzise abgestimmt.
Die Währung: Nektar und Pollen
Die Pflanze zahlt mit zwei verschiedenen Gütern, und beide haben unterschiedliche Funktionen.
Nektar ist im Kern eine Zuckerlösung und damit Treibstoff. Er finanziert den Flugbetrieb der Sammlerinnen. Die Konzentration schwankt je nach Art und Tageszeit erheblich, und Bienen sind durchaus in der Lage, ergiebige von mageren Quellen zu unterscheiden.
Pollen ist die Proteinquelle. Er enthält Eiweiß, Fette und Mineralstoffe und wird fast vollständig für die Brut verwendet. Deshalb ist Pollenmangel für ein Volk gravierender als Nektarmangel: Ohne Nektar schrumpft die Aktivität, ohne Pollen bricht die Vermehrung ein.
Die Pflanze gibt beides nicht aus Freundlichkeit ab. Der Nektar ist gezielt so platziert, dass die Biene beim Zugriff zwangsläufig die Staubbeutel streift und beim nächsten Blütenbesuch Pollen abliefert.
Die Signale: Wie Blüten kommunizieren
Damit der Handel funktioniert, muss die Blüte gefunden werden. Dafür haben Pflanzen ein ganzes Signalsystem entwickelt.
Farbe. Bienen sehen ultraviolettes Licht, aber kein Rot. Was wir als schlichte gelbe Blüte wahrnehmen, trägt für eine Biene oft ein deutliches UV-Muster. Diese Saftmale funktionieren wie Landebahnmarkierungen und führen direkt zum Nektar. Dass typische Bienenblumen blau, violett und gelb sind und selten reinrot, ist kein Zufall.
Duft. Er wirkt über größere Distanz als die Farbe und ist artspezifisch. Viele Pflanzen stellen die Duftproduktion genau dann ein, wenn die Blüte bereits bestäubt ist, und sparen sich damit unnötige Besuche.
Form. Die Blütenform filtert, wer überhaupt herankommt. Tiefe Röhrenblüten sind langrüsseligen Hummeln vorbehalten, offene Schalenblüten stehen fast allen offen. Lippenblütler wie Salbei haben sogar einen Hebelmechanismus, der die Staubbeutel gezielt auf den Rücken des Besuchers klappt.
Blütenstetigkeit: der Trick, der alles effizient macht
Eine einzelne Sammelbiene bleibt während eines Ausflugs meist bei einer Pflanzenart. Diese Blütenstetigkeit ist für die Pflanze entscheidend: Nur so landet ihr Pollen auf einer Blüte derselben Art statt nutzlos auf einer fremden. Für die Biene lohnt es sich ebenfalls, weil sie den Handgriff nicht bei jeder Blüte neu lernen muss.
Diese Spezialisierung geht bei Wildbienen noch weiter. Viele Arten sind oligolektisch, sammeln also Pollen nur an wenigen Pflanzenfamilien. Für sie ist ein Garten voller exotischer Zierpflanzen wertlos, egal wie üppig er blüht. Welche heimischen Arten diesen Bedarf decken, steht im Beitrag zu Blumen für einen bienenfreundlichen Garten.
Was die Beziehung stört
Der Rückgang von Bestäubern hat nicht eine Ursache, sondern mehrere, die sich gegenseitig verstärken:
- Verlust von Blühflächen. Große, einheitlich bewirtschaftete Flächen bieten nach der Blüte der Hauptkultur monatelang nichts. Auch Schottergärten und kurz gemähte Zierrasen sind für Bestäuber leere Flächen.
- Pestizide. Insektizide wirken direkt, viele beeinträchtigen schon in geringen Mengen Orientierung und Brutpflege.
- Fehlende Nistplätze. Die Mehrheit der Wildbienen nistet im Boden und braucht offene, sonnige Erd- oder Sandstellen. Versiegelte Flächen streichen diese Möglichkeit.
- Zeitliche Lücken. Selbst blütenreiche Gegenden haben oft eine Trachtlücke im Juni und ein dünnes Angebot ab September.
Warum das über den Garten hinaus zählt
Ein großer Teil unserer Kulturpflanzen ist auf tierische Bestäubung angewiesen: Obst, viele Gemüsearten, Ölpflanzen. Getreide ist windbestäubt und bliebe verschont, aber die Vielfalt auf dem Teller hinge unmittelbar an den Bestäubern. Dazu kommt die Wirkung im Ökosystem: Wildpflanzen, die nicht bestäubt werden, bilden keine Samen, und was ihnen an Früchten und Samen fehlt, fehlt auch Vögeln und Kleinsäugern.
Was tatsächlich hilft
Die wirksamen Maßnahmen sind unspektakulär und in fast jedem Garten oder auf jedem Balkon umsetzbar:
- Eine durchgehende Blühfolge von Februar bis Oktober statt eines üppigen Juli
- Ungefüllte Blüten wählen, gefüllte Zuchtsorten liefern oft weder Nektar noch Pollen
- Heimische Wildstauden ergänzen, für die spezialisierten Arten
- Auf Pestizide verzichten
- Eine Ecke ungepflegt lassen, mit offener Erde und stehengelassenen Stauden über den Winter
Wie sich eine solche Fläche konkret anlegen lässt, beschreibt der Beitrag zur Wildblumenwiese. Auch auf kleiner Fläche funktioniert das Prinzip, wie die Sortenempfehlungen für Balkonblumen zeigen.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Nektar und Pollen für Bienen?
Nektar ist die Energiequelle: eine Zuckerlösung, die den Flugbetrieb finanziert. Pollen liefert Eiweiß, Fette und Mineralstoffe und wird fast ausschließlich für die Aufzucht der Brut verwendet. Eine Kolonie braucht beides, ein Mangel an Pollen bremst die Vermehrung sofort.
Warum sehen Bienen Blüten anders als wir?
Bienen nehmen ultraviolettes Licht wahr, dafür kein Rot. Viele Blüten tragen UV-Muster, sogenannte Saftmale, die für uns unsichtbar sind und wie eine Landebahn direkt zum Nektar führen. Was wir als einfarbig gelbe Blüte sehen, kann für eine Biene deutlich gezeichnet sein.
Sind alle Bienen auf alle Blumen angewiesen?
Nein. Honigbienen sind Generalisten und nutzen ein breites Spektrum. Ein erheblicher Teil der Wildbienenarten ist dagegen oligolektisch, also auf wenige Pflanzenfamilien spezialisiert. Verschwindet deren Wirtspflanze, verschwindet die Art mit, selbst wenn ringsum genug anderes blüht.
Was passiert ohne Bestäuber?
Ein großer Teil der Wild- und Nutzpflanzen könnte sich nicht mehr fortpflanzen. Betroffen sind vor allem Obst, viele Gemüsearten und Ölpflanzen. Windbestäubte Kulturen wie Getreide wären weniger betroffen, die Vielfalt auf dem Teller würde aber drastisch schrumpfen.